Vom Wesen hinter dem Raster

HALLE/MZ.
«Gesichte» schauen den Betrachter in der Ausstellung von Hagen Bäcker an
VON KATJA PAUSCH, 12.03.10,

Eine ganz eigenartige Wirkung geht von den Objekten aus, die sich derzeit in der kleinen Galerie Raum Hellrot im Mühlweg präsentieren: Große eiförmige Gebilde mit farbigen Rastern sehen den Betrachter von der Wand herab an. Scheinen ihn anzusehen.
Je länger der Blick verweilt, desto deutlicher treten Gesichter in ganz unterschiedlicher Mimik hervor, die - zumindest frontal betrachtet - ein wenig an Hologramme erinnern. "Hervor" ist dabei wortwörtlich zu verstehen, denn mit dem richtigen Abstand und bei näherer Betrachtung entwickeln die gewölbten "Gesichte", die der Ausstellung des halleschen Künstlers Hagen Bäcker den Namen gegeben haben, ein ungeheure Plastizität, eine eindringliche Intensität.
Und doch verbergen sich hinter, nein, in den farbigen Punkten keine Porträts im eigentlichen Sinne. Es sind vielmehr Hybride, die Hagen Bäcker aus Fotografien aus dem Internet zusammengesetzt und verarbeitet hat. "Es sind nicht Personen, die im Ergebnis zu sehen sind, sondern der Ausdruck von Personen", sagt der 1963 in Halle geborene Künstler, der von 1987 bis 1992 bei Professor Irmtraud Ohme an der Hochschule Burg Giebichenstein studiert und ein Diplom als Metallbildhauer in der Tasche hat und auf zahlreiche Ausstellungen, Stipendien und Projekte verweisen kann.
Entstanden sind die Objekte, indem Bäcker die Internetfotos in Schwarz-Weiß-Bilder gewandelt und stark gerastert hat. Das Raster wurde auf die aus Polymergips selbst hergestellten Ei-Körper projiziert. Nun erst begann mit der farbigen diffizilen "Punktmalerei" die eigentliche Arbeit des Künstlers, der mit Ölfarbe und Pinsel das Raster farbig gestaltete. Vor allem die durch die Körperkrümmung entstandene Verzerrung des Rasters erzielt die erstaunliche Wirkung der "Gesichte".
Die Idee für das Projekt kam Bäcker durch Zufall. "Ich hatte vor ein paar Monaten ein chinesisches Handelsblatt mit völlig unkenntlichen Porträtsfotos verschiedener Menschen in der Hand", so Bäcker. Aus Neugier, wer denn da wohl abgebildet sei, habe er die Fotos so stark vergrößert, dass nur noch eine Häufung von Pixeln erkennbar waren - der Anfang war getan.
Es ist ein Spiel von Schein und Sein, das Hagen Bäcker mit seinen Gesichtern, aber auch mit dem Betrachter treibt. Je näher der den mit farbigen Punkten versehenen Halbschalen tritt, desto unschärfer wird das Gesehene. "Es ist praktisch die Umkehrung dessen, was heute möglich ist: Technik wird immer schärfer, immer genauer, während hier die Schärfe mit dem Abstand immer größer wird", so Bäcker. Seine Objekte, eine Mischung aus Bild und Skulptur, haben eine scheinbare Tiefe, die durch das sehende Auge nur im Kopf des Betrachters real wird. "Bilder lügen immer", behauptet Bäcker, und mit seinen "Gesichten" beweist er das einmal mehr.