Aus der Eröffnungsrede zu Walter Danz, Maria Meinel

„Ich kenne einen Herrn, der ausgezeichnete Portraits macht! Dieser Herr ist ein fotografischer Apparat.“ … so Tristan Tzara 1922 in seinem Essay „Die Fotografie von der Kehrseite“. Natürlich ging es Tzara damals um klassische Portraits wie etwa die seines Zeitgenossen August Sander. Fasst man den Begriff  Portrait  jedoch weiter und versteht ihn als Abbild einer Epoche, einer Kultur oder eines Milieus, dann lassen sich Danz' Arbeiten im besten Sinne als Portraits bezeichnen, als Antlitz einer Zeit.

Doch zunächst zum Bildautor selbst. Walter Danz wurde 1904 in Halle geboren und absolvierte zunächst eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten, als der er dann einige Zeit auch arbeitete. Streifzüge durch die Natur mochten ihm ein willkommener Ausgleich zum Alltag im Büro gewesen sein, die ersten fotografischen Arbeiten des Autodidakten jedenfalls sind Natur- und Landschaftsstudien, Ausblicke auf nebelverhangene Wiesen, Detailaufnahmen von taubenetzten Grashalmen, Pflanzenadern oder Eisblumenranken. Sein Schaffen blieb nicht unbeachtet. Bald profilierte er sich als Fotograf, ließ sich – zeitgleich mit Feininger übrigens – vom Geist der Stadt mit ihren Türmen, Häusern, Gassen und Winkeln inspirieren, streifte durch das alte Halle und hielt das Gesehene fest – mit der für ihn typischen unprätentiösen, sensiblen Klarheit.

Milieubilder und Stadtaufnahmen waren denn auch jene Sujets, die er sich ab 1929 systematisch erarbeitete, in einer Zeit also, da – wie Hermann Raum es trefflich beschrieb – „die Prosperität der Industriestaaten schlagartig zu Ende ging und die folgenschwerste Wirtschaftskrise aus dem heitersten Himmel der Gewinne und des technischen Fortschritts brach“. Das geistige Klima jener Zeit hatte ebenso Einfluss auf sein Schaffen wie das in den 20er Jahren etablierte „Neue Sehen“, das hier in Halle vor allem durch den Schweizer Architekten, Kunsthistoriker und Fotografen Hans Finsler Verbreitung fand, der ab 1921 an der Burg Giebichenstein Kunstgeschichte lehrte und dort ab 1926 die erste deutsche Fotoklasse betreute. Das „Neue Sehen“, das sich etwa zeitgleich mit der „Neuen Sachlichkeit“ des Bauhauses entwickelte, war eine Reaktion sowohl auf allzu starre Konventionen der Studiofotografie sowie auch auf Hyper-Expressivität und Subjektivismus. Man experimentierte mit Licht und Schatten (was häufig in großen schattigen Bildflächen resultierte; Anklänge daran sieht man im Schneewehen-Bild), legte sich aber kompositorisch nicht fest, sondern suchte die abzubildenden Sujets kreativ zu erfassen.

Danz jedenfalls wechselte schließlich endgültig vom kaufmännischen in das Berufsleben eines Bildreporters (das war damals eine ganz neue Berufsbezeichnung) und arbeitete hauptsächlich für die „Illustrierten Hallischen Nachrichten“. Man schrieb das Jahr 1932, die Zahl der Arbeitslosen war auf 45 Prozent gestiegen und Halle war ein Brennpunkt der sozialen Not und Armut, der zunehmenden Unzufriedenheit und auch der Politisierung geworden, die sich auch in Danz' Arbeiten widerspiegelte.

1938, als die Pressearbeit allein den Broterwerb nicht mehr ausreichend sicherte, eröffnete Danz zusammen mit seinem Kollegen – und einem der ersten Finsler-Schüler –  Heinrich Ziegler ein Fotogeschäft in der Großen Steinstraße, das er Ziegler allerdings kurze Zeit später überlassen musste. Danz wurde als Soldat in den Krieg einberufen und geriet später in Gefangenschaft; Ziegler löste die Firma auf.

Nach dem Krieg widmete sich Danz gänzlich der Sachfotografie und wurde vor allem von Künstlern und auch Studierenden der Burg für seine Aufnahmen von Schmuck, Grafiken und Plastiken geschätzt. 1950 – Danz war damals 46 Jahre alt – erkannte man ihm schließlich den Fotografenmeistertitel zu, zwei Jahre später wurde er als einer der ersten Fotografen der DDR in den Verband Bildender Künstler aufgenommen. 1952 war auch das Jahr, da die Galerie Moritzburg eine erste Einzelausstellung präsentierte. Die zweite große Personalausstellung 1979 widmete ihm die Galerie Roter Turm; eine Werkschau, in der die nun zurückliegenden fünf Jahrzehnte seines erfolgreichen und mit mehreren Kunstpreisen gewürdigten fotografischen Schaffens umfassend dokumentiert wurden. Danz starb 1986 im Alter von 82 Jahren.

Die in dieser Ausstellung versammelten Arbeiten stammen also aus der zweiten Hälfte seines ersten Schaffensjahrzehnts. Es sind empfindsam aufgespürte, individuelle Menschenbilder. Sie zeigen Handwerker, Arbeiter, Schausteller, Kinder… machen Zugehörigkeiten und Außenseiter, Zustände und Entwicklungen sichtbar. Was diese Bilder so besonders macht, ist die gefühlte Nähe des Fotografen Danz zum Sujet. Sein Blick verbündet sich, fällt unverstellt sensibel und hält das Gesehene fest. So erzählen die Bilder von der Anmut und Würde des Einfachen, von Bewegungen der Menschen in anderen Zeiten.

Neben der unprätentiösen Annäherung an den Gegenstand und der Schlichtheit der Darstellung bestechen die Bilder durch eine klare, bewusste Gestaltung. Deutliche Diagonalen bestimmen die Bildfläche, suggerieren Bewegung und streichen das Vergängliche des festgehaltenen Augenblicks heraus­. Doch es ist ein stilles, ehrfürchtiges und äußerst behutsames Gestalten, das mehr einem wählerischen Sehen gleicht als einem Eingreifen in das Wesen des Bildgegenstandes.

Und dann ist da jene den Bildern eigene Langsamkeit, die der Mobilisierung, der Beschleunigung und der Techni­sierung jener Jahre standzuhalten, ja entgegenzublicken scheint und die den Betrachter zum Verweilen und Reflektieren einlädt. Folgt man dieser Einladung, dann ist es fast, als würden die Dinge aus der Vereinzelung und der gestalterischen Hervorhebung heraus gerade zu sich selbst finden.

Ins Archiv der Sammlung Photographie der Stiftung Moritzburg gelangt sind die Arbeiten auf Betreiben der langjährigen Lebensgefährtin Walter Danz', Frau Christine Lundershausen, die sich nach seinem Tode engagiert um den fotografischen Nachlass kümmerte. So gingen über 2000 Arbeiten an die Burg Giebichenstein, ein großer Teil der Negative an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, einige Arbeiten befinden sich heute im Hallenser Stadtarchiv und einige hundert – von T. O. Immisch nach ästhetischen und künstlerischen Gesichtspunkten handverlesene – Arbeiten gelangten in die Sammlung Photographie der Stiftung Moritzburg. Von den damals für das Archiv angefertigten Abzügen im Format 12x12 werden in dieser Ausstellung 30 ausgewählte Arbeiten gezeigt.

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